Herborn-Seelbach im Wandel der Zeit

     

Im 13. Jahrhundert (1290 ?) wird Herborn-Seelbach erstmals in einer Urkunde erwähnt. Zweifellos ist „Sylbach“, wie es damals hieß, aber viel älter. Dafür gibt es klare Anhaltspunkte.
Man nimmt an, daß hier schon in der mittleren Steinzeit (etwa 7000 bis 3000 v. Chr.) Menschen, zumindest vorübergehend, gewohnt haben.

Aus der Vor- und Frühgeschichte des Ortes sind mehrere bedeutende Funde zu nennen. Der Bekannteste ist wohl die kostbare fränkische Goldscheibenfibel (Brosche), die man 1886 beim Ausschachten "an der Hardt" fand. Sie wurde ins 7. Jahrhundert n. Chr. datiert. Das ursprüngliche "Seelbach" lag jedoch wohl nicht dort, wo sich der heutige Ortskern befindet. Vermutlich gab es eine alten Siedlungsbereich im oberen "Seelwoch"

Seelbacher Fibel

"Seelbacher Fibel" aus dem 7. Jhdt.n.Chr.


Irgendwann kam es dann wohl zu einer Umsiedelung an die Hohe Straße in den Bereich der heutigen Kirche. Dabei könnten diese Siedler, aus dem kleinen Seitental der Aar, auch den Namen Seelbach hierhin "mitgebracht" haben. Wann dies stattgefunden hat, ist uns nicht überliefert. Hier lag der Ort an der Hohen Straße, einer bedeutenden überregionalen Straße und in unmittelbarer Nähe der Dernbacher Wasserburg, wo die alteingesessenen Adeligen v.DERNBACH und später die Ganerben (Erbengemeinschaft) von Dernbach ihren Stammsitz hatten. Fast 100 Jahre kämpfte das mächtige Geschlecht mit den Grafen von Nassau in der so genannten "Dernbacher Fehde" um die Vorherrschaft in der "Herborner Mark". 1333 mußten sie endgültig der Nassauer Übermacht weichen, nachdem der Feind ihre Burg zweimal verbrannt und zerstört hatte (1306 und 1326). Die Familie zog sich vorerst nach (Neu-) Dernbach bei Gladenbach zurück. Von hier aus verbreitete Sie sich in den folgenden Jahrhunderten im gesamten osthessischen Raum, bis hinunter nach Franken.

Anhand schriftlicher Belege und Erwähnungen in Urkunden, kann man nun nachvollziehen, dass es um die Mitte des 14. Jahrhunderts eine große Siedlungsveränderung in unserer heutigen Gemarkung gegeben haben muss. Die bis dahin noch erwähnten Orte (oder Siedlungsgebiete) Dernbach und Monzenbach werden ab dieser Zeit nicht mehr erwähnt. Stattdessen wird ab nun nur noch Seelbach genannt, wobei es sich dabei um das heutige Dorf (Dorfkern) handeln muss. Nach dem Abzug der Dernbacher Ritter, waren die Menschen auf ihren weitverstreuten Höfen schutzlos geworden. Nun scharte man sich um die bereits existierende (Wehr-)Kirche und bildete hier ein befestigtes Haufendorf um sich gemeinsam gegen die Gefahren von Außen zu schützen. Dies kann sicher als eigentliche Geburtsstunde unseres Dorfes (als das wir es heute verstehen) angesehen werden.

Sicherlich gab es noch den einen oder anderen Herrschaflichen Hof abseits des Dorfes, wie uns noch heute einige Flurnamen verraten. So ist beispielsweise noch Staudt (auch Füllscheuer genannt) am heuitigen Galgenberg bei Burg bekannt. Viele Seelbacher kennen heute noch die Geschichten von der Pest in Füllscheuer und dem Schloß in der Monzenbach. Im Dorfmittelpunkt stand nun die Kapelle, die 1296 urkundlich genannt wird. Der Schutzpatron des Dorfes war der Heilige St. Laurentius.

Sigel von 1249

ältestes bekanntes Siegel des
Johannis de Ternbach
aus dem Jahr 1249

Wappen v.Dernbach zu Dernbach Wappen v.Dernbach, gen, Graul
v.Dernbach zu Dernbach v.Dernbach, gen.Graul

 

Rekonstruktionsversuch der "Burg Dernbach" von Theodor Claas.
Model im Heimatmuseum Herborn-Seelbach.

Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch ein anderes Bild. Das, auf alten Skizzen des Burggrabens und Ausgrabungsbefunden aus den 1950er Jahren beruhende Model zeigt vermutlich nur einen Teil der eigentlichen Schutzanlage. Das Gelände, als auch luftbildarchäologische Ansätze lassen einen ausgedehnten "Vorburgbereich" in südöstlicher Richtung vermuten. Die Bauart dieser Ganerbenburg war wohl dem einer so genannten "Motte" ähnlich. Darum ist anzunehmen, dass die kleine Siedlungsfläche am Fuße des Turmhügels ebenfalls eine Schutzanlage umgab.

In der weiteren Geschichte blieb Seelbach auch von Unglück nicht verschont. Besonders schlimme Zeiten brachte im Dreißigjährigen Krieg das Jahr 1635. Zunächst überzogen Kriegswirren das Dorf. Soldaten des Grafen Philipp v. MANSFELD brannten am 3. Mai 1635 die Kirche und 89 Häuser nieder. Noch härter traf es die Seelbacher in der zweiten Jahreshälfte. Am 16. August brach die Pest aus. Bis zum 2. Dezember raffte der schwarze Tod 160 Einwohner dahin. Insgesamt starben in diesem Jahr 176 Leute, nur 165 überlebten. Auch die Hexenverfolgungen forderten in dieser Zeit ihre Opfer. In den Jahren 1629 bis 1632 wurden 7 Seelbacher Frauen und 1 Mann als Hexen oder Zauberer in Herborn hingerichtet. Aber trotz großer Not erholte sich Seelbach langsam wieder von den großen Verlusten.
1777 kam in Johann Georg GEORG ein Mann nach Herborn-Seelbach. der die örtliche Entwicklung durch seine Persönlichkeit stark beeinflußte. 56 Jahre hatte er hier die Försterstelle inne. Er führte eine bessere Gartenbestellung ein, förderte den Obstbau, ließ den gesamten Aargund regulieren, die Reste der Burg Dernbach, bis auf "die Butschel" einebnen und eine Wasserleitung und mehrere Brunnen im Dorf bauen. Das erste vollständig massive Haus in Herborn-Seelbach war das von Förster GEORG um 1790 ganz in Bruchsteinmauerwerk erbaute „Jägerhaus“.

Jaegerhaus von 1790

Das sog. "Jägerhaus"

Nur wenige Jahre später rückten die Franzosen ins Land. Auf ihrem Weg nach Osten zogen auch Napoleons Truppen durch Herborn-Seelbach. Beim Dorf schlugen die Truppen ein Lager auf, von dem aus sie die Bewohner drangsalierten, um das neue Steuersystem der Franzosen durchzusetzen, gegen das besonders die Seelbacher Widerstand leisteten. Täglich wurden Brot und Vieh geraubt. Mancher Seelbacher mußte freiwillig Soldat bei den französischen Hilfstruppen werden. Die Verwaltung wurde nach französischem Vorbild geändert. Herborn-Seelbach verlor zum erstenmal seine Selbständigkeit. Es gehörte mit Offenbach und Ballersbach zur „Mairie“ (Bürgermeisterei) Bicken.
In denselben Jahren (1803 - 1808) ist auch die Chaussee von Burg nach Bischoffen ausgebaut worden. 1813 hatte der französische Spuk ein Ende. Nach der Vertreibung der Franzosen herrschte zunächst große Not und Armut. Doch das Dorf erholte sich. 1851 wurde das erste Backhaus gebaut. Der Eisenerz-Bergbau nahm großen Aufschwung. Eine beträchtliche Anzahl Seelbacher Männer nahm jetzt die langen, beschwerlichen Wege und die lebensgefährliche Arbeit in den Gruben des Schelderwaldes auf sich. 1883 richtete der alte Sophiesbäcker die erste Bäckerei ein und 1886 der Urgroßvater von Karl-Heinz Göbel die erste Metzgerei. Die erste Wirtschaft war im Haus Marburger Straße 13 („Oarmshaus“) eingerichtet.

Ortsschild aus preuss. Zeit

Altes Ortschild aus preussischer Zeit

Bedeutend war damals auch die Kalkbrennerei in Herborn-Seelbach. Lange Zeit waren 3 Kalköfen in Betrieb. Der Aufschwung wurde noch durch den Bau der Eisenbahn begünstigt. Am 1. Februar 1902 wurde die Strecke von Herborn bis Hartenrod eröffnet.
Die heute bereits abgerissene Schule am Brühl wurde bereits 1895 erbaut. Aber natürlich hatte es schon vorher Schulunterricht in Herborn-Seelbach gegeben. Die erste Schulgründung muß zwischen 1588 und 1594 stattgefunden haben. Damals fand der Unterricht allerdings nur im Winter und im Hause des Lehrers statt. Bald sorgte man aber mit der „Alten Schule“ für die nötigen Räume und eine neue Lehrerwohnung. Der schöne dreistöckige Fachwerkbau soll um 1600 auf dem Nesselhof erbaut worden sein. Als Ergebnis weiterer Archivforschung wurde unter anderem eine gräfliche Holzrechnung von 1602 für einen Schulbau der Gemeinde Herborn-Seelbach gefunden. Somit gilt als sicher: Die „Alte Schule“ ist 1602 als ein kombiniertes Schul- und Gemeindehaus am heutigen Standort in der Ortsmitte errichtet worden. Heute findet der Schulunterricht in der 1961 eingeweihten Grund- und Hauptschule, der „Dernbachschule“ statt.

Schule im Bruehl 1895 - 1961

Schule im Brühl 1895 - 1961


Um die Jahrhundertwende traten nochmals seuchenartige Erkrankungen in Herborn-Seelbach auf. Es begann 1875/76 mit 12 Toten durch Nervenfieber. 1882 starben 26 Kinder an Scharlach. Es folgten Influenza (Grippe), Typhus, Masern und zuletzt die Ruhr (1918), welche trotz Isolierbaracke auf dem Gewenn 54 Todesopfer forderte. Dazu hatte Herborn-Seelbach im ersten Weltkrieg 55 Gefallene zu beklagen.

Für den Krieg mußte man 1917 auch die 3 Seelbacher Glocken opfern. 1919 erhielt der Kirchturm dann wieder 2 neue Stahlglocken, die von Buderus in Wetzlar gegossen wurden. Im Herbst 1949 wurden diese wiederum durch 3 neue Glocken aus der Glockengießerei Rincker in Sinn ersetzt.
Aus alten Kirchenrechnungen wissen wir, das unsere Kirche bereits vor 1648 Glocken und sogar eine Kirchturmuhr besaß. Die ersten beiden Glocken, von denen wir Näheres wissen, wurden dann 1762 von dem Asslarer Glockengießer Schweitzer geschaffen.

Im Jahre 1902 fanf unser Dorf Anschluss an die große weite Welt - die Aar-Salzböde Bahn von Marburg nach Herborn wurde eröffnet.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurde eine Turnhalle (1926/27), sowie ein Lehrerwohnhaus auf dem Hohenrain (1927) erbaut. Dann begann der 2. Weltkrieg. Wie überall rückten auch die meisten Seelbacher Männer ins Feld. 155 kehrten nicht mehr wieder. In der Zwischenzeit arbeite man fleißig an einem neuen Rathaus (1941), welches später noch aufgestockt wurde. Der Ort selbst bleibt von größeren Kriegsschäden verschont. Nur beim Einmarsch der Amerikaner, am 27. März 1945, wurden einige Gebäude von leichter Artillerie getroffen.

Als unmittelbare Kriegsfolge verzeichnete Herborn-Seelbach, durch den Zustrom von etwa 80 - 90 Evakuierten und Obdachlosen aus Niederscheld sowie dem Raum Frankfurt und 321 Heimatvertriebenen, einen beträchtlichen Einwohnerzuwachs (1939 = 2003 Ew., 1946 = 2425 Ew.). In den Nachkriegsjahren setzte eine bis heute andauernde rege Bautätigkeit ein, verbunden mit einer günstigen Entwicklung von Industrie und Handwerk. 1949 wurde der Kirchturm renoviert. 1953 das vergrößerte Kirchenschiff eingeweiht. Neue große Baugebiete entstanden unter anderem am Horch und am Bitzen. 1966 bezogen Bundeswehrsoldaten und Amerikaner die soeben fertiggestellte Aartalkaserne, welche im Rahmen der Truppenreduzierung 1993 wieder aufgelöst wurde.

Im Jahre 1974 entstand schließlich auf dem alten Schulhof ein modernes Hallenbad, welches leider zum Unmut vieler Herborn-Seelbacher Bürger bereits nach wenigen Jahren wieder geschlossen wurde. Der Anschluß an das Gasversorgungsnetz der Stadt Herborn förderte unsere stetige Weiterentwicklung. Eine Friedhofskapelle und zwei Kindergärten wurden ebenfalls in diesen Jahren errichtet. Der ehemalige Kindergarten in der Adlerstraße dient heute der Ev. Kirchengemeinde als schmuckes Gemeindehaus.

Einen schwarzen Tag stellt für die Gemeinde der 1. Januar 1977 dar. Zum zweitenmal verlor Herborn-Seelbach seine Verwaltungsselbstständigkeit. Im Zuge der hessischen Gebietsreform wurde unser Dorf gegen den Willen vieler Einwohner nach Herborn eingemeindet.

1981 wurde die Turnhalle in eine Mehrzweckhalle umgebaut. Im Jahre 1996 erhielten wir auch wieder einen zweiten Kindergarten. In den vergangenen Jahren fanden größere verkehrstechnische Veränderungen statt. Die fast 100jährige Bahnstrecke der Aar-Slzböde-Bahn wurde 2001 stillgelegt und umgehend zurückgebaut. In der Folgezeit wurde die seit ca. 30 Jahren geforderte Ortsumgehung durch das Aartal gebaut. Der Ort erfährt auch weierhin stetige Erweiterungen seines Siedlungsgebietes, wenn auch nicht so stark, wie dies in den 60-70e Jahres des vergangenen Jahrhundrets war.

Unsere Gemeinde ist stolz auf ihre über 20 Ortsvereine. Die Gemeinschaft bei kulturellen und sportlichen Veranstaltungen, sowie bei der jährlichen „Katzenkirmes“ im September, hat unser Dorf wesentlich geprägt.

Heute stellt Herborn-Seelbach mit ca. 3900 Einwohnern und einer Gemarkungsgröße von 1326 ha den größten Stadtteil Herborns dar.

 
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